Tag 2, Tag 3 und Tag 4 der Reise in den Norden - Minamisoma
Vor einem Jahr gab es einen direkten Anschluss via Shinkansen, aber die Bahnstrecke nach Minamisoma ist immer noch unterbrochen.
Wir fahren also nach Watari mit dem Zug, steigen in den Bus um bis Soma und fahren von dort den Rest mit einer immer leerer werdenden Regionalbahn.
Etwas über drei Stunden brauchen wir so für die 78 Kilometer von Sendai bis zur Endstation:
Minamisoma.
Von hier sind es noch 25 Kilometer Luftlinie bis zum Atomkraftwerk.
Es ist der erste Winter nach dem Reaktorunglück. Japan ist wieder graubraun und von überall drängt sich den Menschen die Erinnerung an die kalten Wassermassen und die chaotische Flucht auf.
Die unfassbaren Mengen der Trümmer liegen sehr japanisch nach Art und Werkstoff parzellisiert auf weiten Deponien da - wie große wachsame Tiere.
Auf den kleinen Feldern in der vom Tsunami hart getroffenen Gegend steht auf kleinen Feldern Wintergemüse.
Es ist außerhalb der 20-Kilomter Schutzzone nicht illegal Reis und Gemüse anzubauen. Die Obergrenze von 500 Bequerel pr. Kilogramm, führt aber immer wieder dazu, dass einzelne Kontaminierungen ganze Ernten unbrauchbar machen.
Ab April wird die Grenze auf 100 Bequerel reduziert. Das hat Wataru Iwata und seine Initiative CRMS in Gesprächen mit Verantwortlichen der Regierung erreicht. Aber auch dann wird es wohl kaum Abnehmer für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse geben.
Privatanbau geschieht in Eigenverantwortung.
Es ist mir zuerst rätselhaft, dass die Menschen hier noch Gemüse ziehen.
Erst sehr viel später verstehe ich was das Agrar- und Fischereiverbot für einen Schnitt in die Identität der Menschen in der Region bedeutet. Was in den westlichen Medien immer als eine dreifache Katastrophe deklariert wurde ist in dieser Folge eine vierfache.
Vielleicht ist es weil ich noch einen kollossalen Jetlag habe, aber ich hab keine Ahnung was ich mit diesen Zahlen - von denen ich nur weiß dass sie auf irgendeine Art Gefahr ausdrücken - emotional anfangen soll. Ich bin schon immer schlecht in Physik gewesen und meine Recherche hat mich irgendeinem echten Verständnis nicht wirklich näher gebracht:
Irgendwie spaltet sich irgendwo irgendetwas mit der Austrittsgeschwindigkeit von 20.000 km/s von einem Ding ab (das eigentlich nur eine wissenschaftliche Gedankenbrücke ist und quasi keine Masse hat), um einen „angeregten“ Tochterkern zurückzulassen der seine Restenergie in Form einer Strahlung abgibt die auf eine noch sehr viel schwerer zu verstehende Art und Weise für Biomasse gefährlich ist.
Das alles passiert millardenfach in Bruchteilen von Sekunden und ist völlig unsichtbar.
Bestimmt 100 Mal versuche auf meiner Reise Bilder zu diesen Vorgängen zu entwickeln. Aber es klingt immer nur wieder wie ein L. Ron Hubbard Sujet. Sebastian Pflugbeil - Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz - erklärt mir vor meiner Abreise in Berlin nach einigen für einen Plasmaphysiker schmerzhaften Fragen den Unterschied zwischen Alpha und Gammastrahlung: - Stellen Sie sich einen Wald vor. Und dieser Wald ist der menschliche Körper. Gut?
- Ja.
- Und jetzt stellen Sie sich die Alphastrahlung als ein Gewehr vor mit dem man in den Wald schießt. Okay?
- Ja.
- Kann sein sie treffen in dem Wald - der ihr Körper ist - einen Baum - der eine Zelle ist. Aber vielleicht auch nicht ...
okay?
- Okay. Und die Gammastrahlung?
- Ja ... Er schmunzelt. - Stellen Sie sich einfach eine entgleiste Diesellok vor die mit voller Geschwindigkeit in den Wald reinrast ...
Es dauert eine Weile bis die steht. Ich konnte mir solche Dinge nie plastisch vorstellen.
Weil man sich solche Dinge wahrscheinlich nicht plastisch vorstellen kann.
Was man in Minamisoma allerdings muss.
Denn diese seltsam abstrakte Gefahr und der Ort werden für lange Zeit eine sehr enge Beziehung miteinander führen. Am Ende des Interviews frage ich Pflugbeil noch ob er Vorschläge hat, wie ich mich schützen soll in Minamisoma. - Schutzkleidung. Am besten Schutzkleidung. Auf jeden Fall Sicherheitsbrille, denn die Partikel sammeln sich vor allen Dingen da, wo Feuchtigkeit ist. Also Augen und Mund. Trinken Sie am besten kein Wasser aus dem Hahn. Kaufen Sie welches. Wenn es windig ist, halten Sie sich nicht zu lange draußen auf. Im Inneren des Körpers verursacht die Strahlung den größten Schaden.
Und nehmen sie am besten nur Kleidung und Taschen mit die sie im Anschluss wegwerfen. Um die Empfehlung eines Experten nicht zu missachten kaufe mir den ganzen Kram - und vergesse ihn dann in meinem Kleiderschrank in Berlin.
Ich stelle mir vor wie das wohl gewesen wäre wenn ich mit Schutzkleidung, Mundschutz, Schutzbrille, Plastiküberzügen für die Schuhe aus der Regionalbahn gestiegen wäre.
Gemeinsam mit Hunden, Kindern, Senioren, stillenden Müttern - Wir haben uns mit Frau Wakamatsu, Frau Ogai und Frau Endo von der Minamisoma International Association (MSIA) verabredet. Sie fahren uns durch die Stadt. Drei alte Damen unter vielen alten Menschen.
Denn es sind nur noch wenige Familien mit Kindern übrig.
Die Besserverdiener, darunter alle Europäer und Amerikaner sind geflohen oder wurden von ihren Regierungen (die andere Strahlenschutzbestimmungen haben) nach Hause geholt.
Dazu gehören auch Gastronomen, Ärzte, Rechtsanwälte.
Minamisoma ist vor dem Reaktorunglück eine Stadt mit 70.000 Einwohnern gewesen. Kurz danach waren es 10.000. Jetzt leben hier wieder 40.000 Menschen.
Viele sind trotz der Kontamination zurückgekehrt zu ihren Strukturen, zu ihren Familien, zu ihren Ahnen. Eine Familie die nach Nagano geflohen ist, erzählt uns, dass sie wiederkamen, weil sie dort niemanden kannten. Das gesellschaftliche Misstrauen vor Menschen aus der Region spielt auch eine Rolle.
Andere sind geblieben - denn sie sind zu alt oder können es sich nicht leisten zu fliehen.
Oder sie lieben die Stadt. Die Regierung hat teilweise aus Katastrophenparalyse, teilweise aus Pragmatismus, teilweise aus Respekt gegenüber der kulturell bedingten tiefen geographischen und sozialen Verwurzelung der Provinzjapaner den zweiten Sicherheitsring zu einer Grauzone gemacht:
Bis September war es zwar nicht legal in der Zone zwischen dem 20 Kilometerring und dem 30 Kilometerring zu leben.
Aber auch nicht illegal.
Damit wurde die Verantwortung für alles folgende an die Bewohner weitergereicht. Watarau Iwata erklärt uns in Fukushima:
„Das ist grundsätzlich nicht falsch: Wenn sie die Region als Evakuierungszone erklären, sind die Menschen dreifach gestraft. Sie verlieren ihre Häuser, sie können ihre Jobs nicht mehr ausüben, und die Region ist als Todeszone gebrandmarkt – mit weitreichenden Folgen für Tourismus und Agrarwirtschaft.
Mit dem „Recht auf Evakuierung“ bekommen sie Evakuierungshilfe - was vielen im Augenblick versagt bleibt - haben aber trotzdem die Möglichkeit zu Rückkehr und Wiederaufbau“ Im Ortskern verrät bis auf ein paar geschlossene Geschäfte zunächst nichts von der Katastrophe.
Aber dann fahren uns die Frauen an die Grenzen der Ortschaft. Zeigen uns die Berge von ineinander verschränkten Fahrzeugen. Von abgerissenen Bäumen. Zerstörte Friedhöfe. Weggeschwemmte Altersheime. Der völlig zerstörte und verödete Strand – vor einem Jahr noch Urlabusort. Sie legen uns ruhig die Zahlen vor: 30.930 Menschen sind geflohen. 2643 sind tot oder vermisst. 1164 Häuser wurden durch das Erdbeben zerstört. 80 Weggespült. 6795 Familien haben sich auf eine provisorische Wohnung - Container, die die Stadt hier überall hochgezogen hat - beworben. 1507 haben eine bekommen. 3284 haben selbst irgendwo Unterkunft gefunden. 1097 warten im Augenblick auf eine zugesagte Wohnung. 139 Familien – eine Zahl die in dem Nummerngewitter schnell droht klein zu wirken – haben noch keine Aussicht auf eine Bleibe.
Ein buddhistischer Mönch den wir besuchen erzählt uns wie er nach der Katastrophe in seinem kleinen Tempel, die Knochen 647 Toter aufbewahrt hat, die auf Identifizierung gewartet haben. Er zeigt uns den Raum, immer noch stehen 12 Kartons da. Teilweise wurden Menschen aus 100 Kilometer entfernten Städten angespült.
Es wirkt auf mich zunächst so als wäre im überbordenden Pluralismus der Katastrophe fast kein Platz für die vergleichsweise unsichtbare Rekatorunfall. Wir haben das Gefühl man spricht ganz entspannt und unaufgeregt von der Strahlung. Zuerst wundert mich die fehlende Aufgebrachtheit. Mittlerweile verstehe ich: Wo die Naturkatastrophen etwas aufgezwungenes und externes sind, sind die Folgen der Reaktorkatastrophe zu etwas internem, mit dem Alltag verflochtenen geworden.
Wie sollte es auch anders sein bei einer Beziehung die auf 100 Jahre angelegt ist. Frau Wakamatsu zeigt uns Bilder von einfahrenden Armeefahrzeugen, von Geigerzählern, von Menschen in Schutzanzügen, die in Bussen in die Sicherheitszone gefahren werden um ihre Dinge herauszuholen.
Von der Dekontaminierung des Ortes. Eine große Menge der abgetragenen Erde aus der Dekontaminierung lagert in Plastik verschlossen unter der Erde.
Da wo Platz ist in dem eng bebauten Ort.
Zum Beispiel unter dem Schulhof. „Warum vergraben sie die Erde“?
„Was sollen wir sonst mit ihr machen?“
„Können Sie keine Lager bauen?“
„Das würde viel zu lange dauern und wer soll das bezahlen?“
„Aber was passiert, wenn das Plastik Löcher bekommt?“
„Dann gerät die Radioaktivität ins Grundwasser“ sagt sie ruhig.
„Woher haben Sie die Methode für die Dekontaminierung?“
„Das hat uns ein Experte von der Universität in Tokyo erklärt.
Aber: Die Experten sind sich da nicht einig – es gibt andere Ansichten“
„Ist der Experte von der Regierung beauftragt gewesen?“
„Nein“
„Wer hat die Dekontaminierung durchgeführt?“
„Wir“ Ich frage Frau Wakamatsu wo die Geigerzähler herkommen. Wer die Haushaltsgeräte in den Notunterkünften zahlt, wie die Schulung und Information der Menschen verläuft – von der Regierung keine Spur. Das Rote Kreuz, Privatspenden aus den Städten, und sehr viel Eigeninitiative. Frau Takahashi, Wäschereibesitzerin, organisiert Wohltätigkeitsveranstaltungen, klärt Bürger über Risiken und Schutzmöglichkeiten auf, macht Aufrufe um die Berufsgruppen, die eine intakte Stadt benötigt zurückzubekommen.
Nach und nach verstehe ich, dass die Regierung die Bürger mit dem Problem der Radioaktivität weitestgehend alleinegelassen hat. Herr Ogai – Generalsekretär der Stadt Minamisoma - erklärt uns
„Die Regierung macht alles Mögliche und das mit vollem Engagement. Aber die wenigsten Maßnahmen erreichen die Opfer der Katastrophe. Die Kluft zwischen dem, was die Opfer sich wünschen und den Hilfsmaßnahmen ist einfach zu groß. Und natürlich ist es jetzt auch viel zu viel Zeit verstrichen. Viele Opfer hätten sich gerade kurz nach der Katastrophe Hilfe gewünscht“
„Wie sieht es mit den Entschädigungen seitens Tepco aus?“
„Das ist von Familie zu Familie anders. Die Bewohner dieses Gebiets sind größtenteils auf der Flucht. Die bekommen 120000 Yen, Wenn es mehrere Familienmitglieder sind, kann das wieder anders sein.
Aber das, was sie jetzt bekommen, ist nur eine Wiedergutmachungsgeste für die seelische Belastung, die diese Menschen erlitten haben. Die eigentliche Abfindung wird noch folgen. Die Menschen haben ihr ganzes Hab und Gut verloren. Ihre Häuser sind vom Erdbeben stark beschädigt worden
Die Sorge der vertriebenen Bewohner ist groß. Denn auch das Land, das sie besitzen hat an Wert verloren. Früher konnten sie ihr Stück Land als Pfand einsetzen. Das geht jetzt auch nicht mehr. Und dafür gibt es noch keine Abfindung„
„Ich habe gelesen, es soll kompliziert sein einen Antrag auf Abfindung zu stellen?“
„O ja, sehr. Man muss einfach sehr viel Material beilegen, Rechnungen als Belege dazulegen, beispielsweise für die Fahrtkosten oder Benzinkosten, wenn man mit dem Auto gefahren ist. Keiner hat diese Rechnungen behalten (lacht). Es ging um Leben und Tod.“ Frau Wakamatsu ist wie viele in dem Chaos in den Nordwesten geflohen. Also dahin wo die Emissionswolke gezogen ist und die Strahlung sehr viel schlimmer war. Weltberühmt ist Minamisoma auch durch die Ansprache des Bürgermeisters aus dem Chaos nach der Katastrophe geworden. Er hat über Youtube um Hilfe für seine Stadt gebeten. Es gab weder Nahrung, Benzin für die Flucht und am schlimmsten: Keine, oder irreführende Informationen. Bleiben oder fliehen – es war tagelang nicht klar. Informationen über die Lage haben die Menschen hauptsächlich über das Fernsehen bekommen.
Vom Times Magazine ist Bürgermeister Sakurai danach zu einem der 100 bedeutendsten Menschen der Welt gewählt worden. Was auch immer das heißen mag - jetzt ein Jahr später: Wo nicht nur die europäische, sondern auch die japanische Presse genug hat von der Katastrophe.
Wo alles schon in die Wege geleitet, alle Empörung schon ausgegossen wurde - da scheint der Teil der Katastrophe - der für die Menschen hier gerade erst beginnt – in Europa, aber vor allen Dingen in Tokyo und im Westen Japans schon unglaublich fern. Wir sehen uns die Bilder von den Schaufelbaggern an, die auf dem Schulhof zwischen Klettergerüsten Gräben für die kontaminierte Erde ausheben.
Es ist nicht sicher ob die Bemühungen der Bürger überhaupt so viel bringen. Die Berge und die Bäume die an die Stadt grenzen bleiben giftig. Wie soll man sie dekontaminieren?
Die Bewohner warten noch auf Antwort von den Behörden.
Wenn der Wind günstig steht, wehen von ihnen radioaktive Partikel rüber. Wir erleben das an dem Treffpunkt für die Menschen die mit einer Sondergenehmigung die Sicherheitszone besuchen dürfen um Dinge aus ihren Wohnungen zu holen. Früher war hier ein großer Platz für die traditionellen Reitveranstaltungen für die Minamisoma berühmt ist. Heute sind hier 1,25 Mikrosievert.
Ganz nah an den Bergen.
In der schönsten Natur die ich je gesehen habe. Strahlenmessen gehört zum Alltag.
Fast jeder Einwohner den wir treffen zeigt uns auf Karten die beiden Sicherheitsringe die schon in die Geographie übergegangen zu sein scheinen, erzählt uns von den Entwicklungen in den Strahlenniveaus, nennt uns Hotspots, zeigt uns Bilder von den Häusern in die sie nicht zurückkehren können. Viele Menschen sind doppelt und dreifach geschlagen: Eine Familie, deren Restaurant in der Sicherheitszone liegt, hat einen Kredit aufgenommen um ein provisorisches Restaurant zu betreiben.
Der Kredit für das erste, das nun in der Schutzzone verrotet, steht natürlich immer noch aus.
Finanzielle oder pragmatische Unterstützung? Kaum von der Regierung, zu wenig von Tepco. Bevor wir zur Schutzgrenze fahren, gehen wir essen.
Wer noch nie in Japan war, aber plant hinzufahren liest sicherlich, dass man sich aus Hygienegründen in Innenräumen die Schuhe auszieht, also wundere ich mich zuerst nicht als wir in einem kleinen Restaurant dazu aufgefordert werden. Mein Begleiter Ehito Terao erklärt mir aber, dass das keinesfalls gewöhnlich ist. Hier in diesem Bereich der Stadt wird noch dekontaminiert, sie wollen nicht, dass radioaktiver Staub in das Restaurant getragen wird.
Die Köchin zeigt uns einen Geigerzähler, den sie in einem Regal neben der Küche hat: 0,80 Mikrosivert. Im Innenraum. Sie lächelt uns zu. Die Frauen machen Scherze. Es ist schön mit ihnen unterwegs zu sein.
Gerade das macht mich verwirrt und mutlos:
Ich weiß nicht wie ich dem ganzen mit 18.000 Zeichen ein adäquates Gesicht geben soll. Nach dem Essen bringen uns die Frauen zu der nördlichen Reaktorgrenze.
Das einzig übriggebliebene sichtbare Zeichen des Reaktorunfalls zu dem man Zugang hat.
In 20 Kilometer Entfernung liegt Fukushima-Daiichi. Von dem man – trotz dem Anstrich von Transparenz den sich die Betreiber geben - kaum etwas mit Sicherheit sagen kann.
Laut Regierung ist die Anlage jetzt sicher.
Im „Cold shutdown“. Immer wieder frage ich die Menschen in Minamisoma ob sie daran glauben:
„Nein“
„Nein – ich glaube gar nichts mehr“
„Nein“
„Ganz sicher nicht“ Die Temperatur im Reaktor ist in der Zeit in der wir da waren auf 93 Grad gestiegen.
Tendenz steigend. Kürzlich hat die IAEA die Sicherheitsstandards aller japanischen Reaktoren geprüft und als „kohärent“ mit ihren eigenen befunden.
Was auch immer das heißen mag in einer der seismisch aktivsten Gegenden der Welt.
Denn wegen dem Kühlwasserbedarf stehen Atomkraftwerke an
1. Flüssen und an
2. Stränden.
Also da wo
1. Die tektonischen Platten auseinderklaffen und zusammenstoßen und
2. Tsunamis drohen. Da allerdings grundsätzlich fas alle Atomkraftwerke an Flüssen oder am Meer liegen, wäre es hochgradig problematisch, die Sicherheitsstandards dementsprechend zu ändern. Sowohl national (NISA) als auch international (IAEA) hätte das weitreichende Folgen für die Reaktorstandorte.
Und so bleiben die Kraftwerke in küsten- und flussnähe eben sicher.
Eine ähnliche Maßnahme war die Anpassung der Kriterien für radioaktive Verseuchung von einem Milisievert pr. Jahr – einer Marke die für 30 Jahre lang gegolten hat – auf 20 Milisievert.
Eine Maßnahme die eine kostenintensive Umsiedlung umgehen sollte.
Denn mit den neuen Kriterien ist so ziemlich alles in der Region „sicher“. Die offizielle Sicherheit stößt bei unabhängigen Experten schnell an seine Grenzen.
Pflugbeil erzählt mir von der Möglichkeit, dass die Schmelzmasse sich durch die Reaktorhülle frisst und darunter auf Grundwasser stößt.
Die Folge wäre eine schlagartige Verdampfung und eine weitere große Explosion. Wataru Iwata spricht noch von einer weiteren Gefahr:
„Reaktor 4 steht da wie ein Lebkuchenhaus. Die Hülle ist unglaublich fragil. Wir haben viele Nachbeben in der Fukushimapräfektur. Einige sehr starke.
Es kann einfach sein dass die Reaktorhülle bricht und das ganze Zeug aus dem Inneren in einer großen Wolke austritt. Ganz ähnlich wie damals nach Tschernobyl.“ Ich frage die Menschen ob sie Angst haben.
Das haben sie. Große Angst.
„Wer weiß was kommt und da los ist. Nicht mal Tepco weiß das“, sagt Herr Wakamatsu. Die Anlage ist ein Gespenst. Bedrohlich, omnipräsent, aber unsichtbar.
Und die Entschärfungskorrekturen der Regierung haben sich nach und nach zu einem groben Unglaubwürdigkeitssalat ausgewachsen.
Alle hoffen, aber sind auf das schlimmste gefasst. Bei dem „Seven Eleven“ der direkt neben der Straßenblockade zur Sicherheitszone liegt holen wir uns einen „Coffee to go“.
Aus einigem Abstand sehen wir fünf oder sechs Journalisten dabei zu wie sie die Grenze fotografieren.
Einige Menschen mit Sondergenehmigungen fahren rein und raus. Äußerlich nicht zu trennen von Experten die in der Schutzzone arbeiten.
Ein Journalist moniert, dass es sehr schwer sei heute noch aussagekräftige Motive in Minamisoma zu finden.
Der Supergau ist heute schwer in Bildern einzufangen.
Zumindest in seiner alten Gestalt, der für die Medien brauchbar ist. Frau Ogai bleibt den Journalisten gegenüber distanziert. Ich wundere mich zuerst darüber, so wie ich mich anfangs über die scheinbare Unberührtheit, die Gefasstheit zum Unfall der ansonsten so offenen Einwohner mir gegenüber wundere.
Denn es gibt hier niemanden der unberührt ist. Niemanden der nicht zornig ist auf Regierung und Tepco. Niemanden der nicht betroffen ist. Und tatsächlich: Niemanden der nicht weint als er von seinen Erlebnissen nach der Katastrophe erzählt.
Allerdings – und das verstehe ich erst sehr spät - auch niemanden der nicht auch vorsichtig geworden ist mit dem was er sagt. Denn es drohen neben den unmittelbaren Gefahren der Radioaktivität zwei weitere.
Die eine ist das Vergessen (die vor allem nach dem Jahrestag drohen wird).
Die andere allerdings besteht im politischen Missbrauch durch die Produktion und Reproduktion eines antinuklearen Diskurses anhand der Stadt und der Region. Es ist sicherlich richtig darauf zu pochen, dass die Debatten um einen vernünftigere Energiepolitik Japans, um eine politische Verantwortung gegenüber den Opfern der Katastrophe, um den Atomausstieg, um die Protestkultur der Japaner und die Mündigkeit der Bürger, um die Fehler in den Rettungsmaßnahmen, um die grundsätzlichen Gefahren von Atomkraft und um die Haftbarkeit TEPCOS geführt werden sollten. Diese Bemühungen müssen allerdings unbedingt stark abgetrennt werden von der Betrachtung der postnukleraren Katastrophensituation in der Region. Denn der Grund für das 5. Niveau der Katastrophe – das ein zeitlich und räumlich nicht begrenztes Derivat ihrer schafft - besteht in dem politischen Missbrauch der Stadt und der Region in den Medien. Ein winziges aber symptomatisches Beispiel: Ganz pauschal wird eine Veranstaltung mit meinen Texten aus Fukushima am Deutschen Theater Berlin von Esther Slevogt in der TAZ als Lesung „mit Texten, die der Dramatiker Nis-Momme Stockmann über seine Eindrücke aus der Todeszone schrieb” angekündigt.
Was ich zuerst nur lächerlich finde, macht mich später in seiner x-ten Wiederholgung in seinem undifferenzierten politischem Eifer einfach nur mut- und ratlos. Ich sehe das Dilemma – das auch vor mir auftaucht. Die Falle in die ich auch unentwegt tappe: Es ist schwierige an den Ungerechtigkeiten und dem Berg der Zerstörung vorbeizuschreiben. Es lässt sich sicherlich nicht genug betonen wie hart die Menschen getroffen sind. Selbst wenn alles gutgeht: Der Abbau des Reaktors wird 50 Jahre dauern.
Die Gegend wird auf 100 Jahre giftig bleiben. Aber wo ist Raum für alles Andere? Generalsekretär Ogai bittet mich in unserem Gespräch:
„Wenn Sie jetzt in Deutschland berichten, dann bitte nicht allzu pessimistisch.
Wir arbeiten alle mit vollem Einsatz daran, dass unsere Stadt wieder zu dem wird was sie mal war. Ein Symbol für Schönheit“. Wie sehr eine Bemühung dem Wunsch Herrn Ogais zu entsprechen, wie eine Verharmlosung der Folgen von Atomkraft wirkt, zeigt, wie sehr Minamisoma schon zum Diskurspony geworden ist. Ein weiteres Beipiel für die Verheerenden Folgen der Instrumentalisierung und Brandmarkung Fukushimas:
Riyochi – ein junger Mann mit dem wir unterwegs sind - zeigt uns auf der Karte die absurden Formen des Fischereiverbots.
Iwaki liegt am südlichen Ende der Fukushimapräfektur und am unteren Ende der Reaktorschutzone.
30 Kilometer weiter unten fängt die Ibarakipräfektur an.
Und in dieser ist das Fischen erlaubt.
Die Präfekturgrenze markiert die Verbotslinie. Ein ziemlich tumb gezogener Schnitt, der symptomatisch für die Pauschalisierung der aufbaubemühten Fukushimapräfektur ist.
Fukushima ist riesig. Und breit. Teile der Präfektur liegen viel weiter vom Reaktor entfernt als die entfernteste Grenze der Miyagi- oder Ibarakipräfektur.
Und die ganze Präfektur ist darauf angewiesen Produkte zu verkaufen, die trotz guter Werte niemand mehr kaufen will. Grüne Landwirte arbeiten daran Strategien zu entwickeln in Gegenden mit erhöhtem Strahlenniveau Lebensmittel zu produzieren. Davon will niemand etwas wissen. Die Presse denunziert ganz allgemein Kampagnen wie „Esst Lebensmittel aus Fukushima“.
Selbst das gesunde Gemüse mit guten Werten kauft niemand.
Abermals: Es ist kaum zu verstehen wie wichtig Landwirtschaft für Identität und Wiederaufbau sind.
Was allerdings verständlich sein sollte:
Die Folgen einer pauschalen Ächtung Fukushimas auf diese. Die Bevölkerung von Minamisoma ist gefangen zwischen Verharmlosung seitens Regierung/Betreiber und einem sicherliche ehrenhaft gemeinten aber vielleicht sogar noch schädlicheren gegenläufigen Aufbereitung in der Presse. Diese Verflechtung ist ungut.
Es ist schwierig geworden am Beispiel der Region von den Folgen der Atomkraft zu sprechen ohne sie zu treffen, beziehungsweise die Region in dem positiven Licht darzustellen in dem ich sie erlebt habe, ohne zu wirken als würde man die Folgen des Reaktorunfalls herunterspielen. Zwischen diesen beiden Tendenzen liegt eine Wahrheit mit der niemand viel anfangen kann.
Die Wahrheit der Bürger Minamisomas, die versuchen ein gutes Leben mit der Strahlung zu führen. Sehr japanisch: Ohne Hass, ohne Zorn, ohne nachtragend zu sein – mit der Geduld und Positivität, die die Menschen hier so wunderbar, aber auch so angreifbar und instrumentalisierbar macht. Was diese Menschen heute am wenigsten brauchen ist das feuereifrige Geschreibe politischer Stimmungsmacher, was sie am dringendsten brauchen ist pragmatische Hilfe, die Überwindung der Kontakt- und Berührungsscheue und eine differenzierte Darstellung. Zu meiner Schande muss ich einsehen, dass ein Teil dessen was mich in dem Restaurant in Minamisoma verzweifeln lässt, ist, dass ich erkenne, dass ich einen Teil meiner politischen Bedürfnisse zum Thema Atomkraft über Bord werfen muss, um die Bewohner, den Ort zu zeigen, wie ich ihn erlebe:
Sehr viel schöner, sehr viel gesünder als er dargestellt wird.
Mit Menschen die keine Opfer sind, sondern Betroffene, die in eigener Kraft jetzt schon den Ort soweit wieder zur Bewohnbarkeit aufgebaut haben, dass er für mich trotz der schwierigen Situation zu einem Sehnsuchtsort geworden ist, in dem ich mich so wohlgefühlt habe, dass ich nach 10 Tagen Jetlag zum ersten Mal durchgeschlafen habe.
Zu einem Ort zu dem ich immer wieder zurückkehren möchte.
Keine Todeszone. Kein Wasteland. Kein bedrückender Ort.
Im Gegenteil:
Ein Ort mit lebensfrohen Menschen die es schaffen, trotz der Tatsache alles verloren zu haben die Leistungen und Defizite Tepcos und der Regierung ganz differenziert zu betrachten.
Etwas was in den westlichen Medien selten gelingt. Denn in dem „Thema“ Atomkraft gibt es wenig pauschalisierbares, viel pauschalisiertes. Wenig Wahrheiten – dafür um so mehr Meinung.
Und von Deutschland aus ist es sehr viel einfacher diesen nachzugehen als hier, wo die Gegebenheiten eines Reaktorunfalls die Bedürfnisse und Verhältnisse komplexer machen, als das ihnen durch Politisieren oder fernes Gemeine beizukommen wäre.
Wo das Politisieren oder ferne Gemeine großen Schaden anrichtet. Es ist sehr schade, dass am Beispiel der vielfach geschlagenen Stadt zu sehen.
Denn die Menschen hier müssen den Ort nicht nur fast ohne Hilfe wieder aufbauen, sondern ihn auch gegen eine ganze Welt vor der Ikonisierung schützen. Die Katastrophe hat die Menschen, hat die Gegend nicht gebrochen.
Das könnte auf lange Sicht aber ihre Darstellung.
Denn die ist neben der Radioaktivität die größte Bedrohung, ein Jahr nach dem Reaktorunfall in Minamisoma.





