Posterous theme by Cory Watilo

Tag 2, Tag 3 und Tag 4 der Reise in den Norden - Minamisoma

Vor einem Jahr gab es einen direkten Anschluss via Shinkansen, aber die Bahnstrecke nach Minamisoma ist immer noch unterbrochen. 
Wir fahren also nach Watari mit dem Zug, steigen in den Bus um bis Soma und fahren von dort den Rest mit einer immer leerer werdenden Regionalbahn. 
Etwas über drei Stunden brauchen wir so für die 78 Kilometer von Sendai bis zur Endstation:
Minamisoma. 
Von hier sind es noch 25 Kilometer Luftlinie bis zum Atomkraftwerk. 

Es ist der erste Winter nach dem Reaktorunglück. Japan ist wieder graubraun und von überall drängt sich den Menschen die Erinnerung an die kalten Wassermassen und die chaotische Flucht auf.
Die unfassbaren Mengen der Trümmer liegen sehr japanisch nach Art und Werkstoff parzellisiert auf weiten Deponien da - wie große wachsame Tiere.
Auf den kleinen Feldern in der vom Tsunami hart getroffenen Gegend steht auf kleinen Feldern Wintergemüse.
Es ist außerhalb der 20-Kilomter Schutzzone nicht illegal Reis und Gemüse anzubauen. Die Obergrenze von 500 Bequerel pr. Kilogramm, führt aber immer wieder dazu, dass einzelne Kontaminierungen ganze Ernten unbrauchbar machen.
Ab April wird die Grenze auf 100 Bequerel reduziert. Das hat  Wataru Iwata und seine Initiative CRMS in Gesprächen mit Verantwortlichen der Regierung erreicht. Aber auch dann wird es wohl kaum Abnehmer für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse geben.
Privatanbau geschieht in Eigenverantwortung.
Es ist mir zuerst rätselhaft, dass die Menschen hier noch Gemüse ziehen.
Erst sehr viel später verstehe ich was das Agrar- und Fischereiverbot für einen Schnitt in die Identität der Menschen in der Region bedeutet. Was in den westlichen Medien immer als eine dreifache Katastrophe deklariert wurde ist in dieser Folge eine vierfache. 

Als wir am Bahnhof ankommen messen wir 0,33 Mikrosievert. Manchmal wenn die Geräte über 0,60 Mikrosievert steigen sehen wir uns staunend an als hätten wir gerade einen dicken Fisch gefangen.
Vielleicht ist es weil ich noch einen kollossalen Jetlag habe, aber ich hab keine Ahnung was ich mit diesen Zahlen - von denen ich nur weiß dass sie auf irgendeine Art Gefahr ausdrücken - emotional anfangen soll.

Ich bin schon immer schlecht in Physik gewesen und meine Recherche hat mich irgendeinem echten Verständnis nicht wirklich näher gebracht:
Irgendwie spaltet sich irgendwo irgendetwas mit der Austrittsgeschwindigkeit von 20.000 km/s von einem Ding ab (das eigentlich nur eine wissenschaftliche Gedankenbrücke ist und quasi keine Masse hat), um einen „angeregten“ Tochterkern zurückzulassen der seine Restenergie in Form einer Strahlung abgibt die auf eine noch sehr viel schwerer zu verstehende Art und Weise für Biomasse gefährlich ist. 
Das alles passiert millardenfach in Bruchteilen von Sekunden und ist völlig unsichtbar.
Bestimmt 100 Mal versuche auf meiner Reise Bilder zu diesen Vorgängen zu entwickeln. Aber es klingt immer nur wieder wie ein L. Ron Hubbard Sujet.

Sebastian Pflugbeil - Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz - erklärt mir vor meiner Abreise in Berlin nach einigen für einen Plasmaphysiker schmerzhaften Fragen den Unterschied zwischen Alpha und Gammastrahlung:

- Stellen Sie sich einen Wald vor. Und dieser Wald ist der menschliche Körper. Gut?
- Ja.
- Und jetzt stellen Sie sich die Alphastrahlung als ein Gewehr vor mit dem man in den Wald schießt. Okay?
- Ja.
- Kann sein sie treffen in dem Wald - der ihr Körper ist - einen Baum -  der eine Zelle ist. Aber vielleicht auch nicht ...
okay?
- Okay. Und die Gammastrahlung?
- Ja ...

Er schmunzelt.

- Stellen Sie sich einfach eine entgleiste Diesellok vor die mit voller Geschwindigkeit in den Wald reinrast ...
Es dauert eine Weile bis die steht.

Ich konnte mir solche Dinge nie plastisch vorstellen.
Weil man sich solche Dinge wahrscheinlich nicht plastisch vorstellen kann.
Was man in Minamisoma allerdings muss.
Denn diese seltsam abstrakte Gefahr und der Ort werden für lange Zeit eine sehr enge Beziehung miteinander führen.

Am Ende des Interviews frage ich Pflugbeil noch ob er Vorschläge hat, wie ich mich schützen soll in Minamisoma.

- Schutzkleidung. Am besten Schutzkleidung. Auf jeden Fall Sicherheitsbrille, denn die Partikel sammeln sich vor allen Dingen da, wo Feuchtigkeit ist. Also Augen und Mund. Trinken Sie am besten kein Wasser aus dem Hahn. Kaufen Sie welches. Wenn es windig ist, halten Sie sich nicht zu lange draußen auf. Im Inneren des Körpers verursacht die Strahlung den größten Schaden.
Und nehmen sie am besten nur Kleidung und Taschen mit die sie im Anschluss wegwerfen.

Um die Empfehlung eines Experten nicht zu missachten kaufe mir den ganzen Kram - und vergesse ihn dann in meinem Kleiderschrank in Berlin.
Ich stelle mir vor wie das wohl gewesen wäre wenn ich mit Schutzkleidung, Mundschutz, Schutzbrille, Plastiküberzügen für die Schuhe aus der Regionalbahn gestiegen wäre.
Gemeinsam mit Hunden, Kindern, Senioren, stillenden Müttern -

Wir haben uns mit Frau Wakamatsu, Frau Ogai und Frau Endo von der Minamisoma International Association (MSIA) verabredet. Sie fahren uns durch die Stadt. Drei alte Damen unter vielen alten Menschen.
Denn es sind nur noch wenige Familien mit Kindern übrig.
Die Besserverdiener, darunter alle Europäer und Amerikaner sind geflohen oder wurden von ihren Regierungen (die andere Strahlenschutzbestimmungen haben) nach Hause geholt.
Dazu gehören auch Gastronomen, Ärzte, Rechtsanwälte.
Minamisoma ist vor dem Reaktorunglück eine Stadt mit 70.000 Einwohnern gewesen. Kurz danach waren es 10.000. Jetzt leben hier wieder 40.000 Menschen.
Viele sind trotz der Kontamination zurückgekehrt zu ihren Strukturen, zu ihren Familien, zu ihren Ahnen. Eine Familie die nach Nagano geflohen ist, erzählt uns, dass sie wiederkamen, weil sie dort niemanden kannten. Das gesellschaftliche Misstrauen vor Menschen aus der Region spielt auch eine Rolle.
Andere sind geblieben - denn sie sind zu alt oder können es sich nicht leisten zu fliehen.
Oder sie lieben die Stadt.

Die Regierung hat teilweise aus Katastrophenparalyse, teilweise aus Pragmatismus, teilweise aus Respekt gegenüber der kulturell bedingten tiefen geographischen und sozialen Verwurzelung der Provinzjapaner den zweiten Sicherheitsring zu einer Grauzone gemacht:
Bis September war es zwar nicht legal in der Zone zwischen dem 20 Kilometerring und dem 30 Kilometerring zu leben.
Aber auch nicht illegal.
Damit wurde die Verantwortung für alles folgende an die Bewohner weitergereicht. 

Watarau Iwata erklärt uns in Fukushima:
„Das ist grundsätzlich nicht falsch: Wenn sie die Region als Evakuierungszone erklären, sind die Menschen dreifach gestraft. Sie verlieren ihre Häuser, sie können ihre Jobs nicht mehr ausüben, und die Region ist als Todeszone gebrandmarkt – mit weitreichenden Folgen für Tourismus und Agrarwirtschaft. 
Mit dem „Recht auf Evakuierung“ bekommen sie Evakuierungshilfe - was vielen im Augenblick versagt bleibt - haben aber trotzdem die Möglichkeit zu Rückkehr und Wiederaufbau“

Im Ortskern verrät bis auf ein paar geschlossene Geschäfte zunächst nichts von der Katastrophe.
Aber dann fahren uns die Frauen an die Grenzen der Ortschaft. Zeigen uns die Berge von ineinander verschränkten Fahrzeugen. Von abgerissenen Bäumen. Zerstörte Friedhöfe. Weggeschwemmte Altersheime. Der völlig zerstörte und verödete Strand – vor einem Jahr noch Urlabusort. Sie legen uns ruhig die Zahlen vor: 30.930 Menschen sind geflohen. 2643 sind tot oder vermisst. 1164 Häuser wurden durch das Erdbeben zerstört. 80 Weggespült. 6795 Familien haben sich auf eine provisorische Wohnung - Container, die die Stadt hier überall hochgezogen hat - beworben. 1507 haben eine bekommen. 3284 haben selbst irgendwo Unterkunft gefunden. 1097 warten im Augenblick auf eine zugesagte Wohnung. 139 Familien – eine Zahl die in dem Nummerngewitter schnell droht klein zu wirken – haben noch keine Aussicht auf eine Bleibe.
Ein buddhistischer Mönch den wir besuchen erzählt uns wie er nach der Katastrophe in seinem kleinen Tempel, die Knochen 647 Toter aufbewahrt hat, die auf Identifizierung gewartet haben. Er zeigt uns den Raum, immer noch stehen 12 Kartons da. Teilweise wurden Menschen aus 100 Kilometer entfernten Städten angespült.
Es wirkt auf mich zunächst so als wäre im überbordenden Pluralismus der Katastrophe fast kein Platz für die vergleichsweise unsichtbare Rekatorunfall. Wir haben das Gefühl man spricht ganz entspannt und unaufgeregt von der Strahlung. Zuerst wundert mich die fehlende Aufgebrachtheit. Mittlerweile verstehe ich: Wo die Naturkatastrophen etwas aufgezwungenes und externes sind, sind die Folgen der Reaktorkatastrophe zu etwas internem, mit dem Alltag verflochtenen geworden.
Wie sollte es auch anders sein bei einer Beziehung die auf 100 Jahre angelegt ist.

Frau Wakamatsu  zeigt uns Bilder von einfahrenden Armeefahrzeugen, von Geigerzählern, von Menschen in Schutzanzügen, die in Bussen in die Sicherheitszone gefahren werden um ihre Dinge herauszuholen.
Von der Dekontaminierung des Ortes.

Eine große Menge der abgetragenen Erde aus der Dekontaminierung lagert in Plastik verschlossen unter der Erde.
Da wo Platz ist in dem eng bebauten Ort.
Zum Beispiel unter dem Schulhof.

„Warum vergraben sie die Erde“?
„Was sollen wir sonst mit ihr machen?“
„Können Sie keine Lager bauen?“
„Das würde viel zu lange dauern und wer soll das bezahlen?“
„Aber was passiert, wenn das Plastik Löcher bekommt?“
„Dann gerät die Radioaktivität ins Grundwasser“ sagt sie ruhig.
„Woher haben Sie die Methode für die Dekontaminierung?“
„Das hat uns ein Experte von der Universität in Tokyo erklärt.
Aber: Die Experten sind sich da nicht einig – es gibt andere Ansichten“
„Ist der Experte von der Regierung beauftragt gewesen?“
„Nein“
„Wer hat die Dekontaminierung durchgeführt?“
„Wir“

Ich frage Frau Wakamatsu wo die Geigerzähler herkommen. Wer die Haushaltsgeräte in den Notunterkünften zahlt, wie die Schulung und Information der Menschen verläuft – von der Regierung keine Spur. Das Rote Kreuz, Privatspenden aus den Städten, und sehr viel Eigeninitiative. Frau Takahashi, Wäschereibesitzerin, organisiert Wohltätigkeitsveranstaltungen, klärt Bürger über Risiken und Schutzmöglichkeiten auf, macht Aufrufe um die Berufsgruppen, die eine intakte Stadt benötigt zurückzubekommen.
Nach und nach verstehe ich, dass die Regierung die Bürger mit dem Problem der Radioaktivität weitestgehend alleinegelassen hat.

Herr Ogai – Generalsekretär der Stadt Minamisoma - erklärt uns 
„Die Regierung macht alles Mögliche und das mit vollem Engagement. Aber die wenigsten Maßnahmen erreichen die Opfer der Katastrophe. Die Kluft zwischen dem, was die Opfer sich wünschen und den Hilfsmaßnahmen ist einfach zu groß. Und natürlich ist es jetzt auch viel zu viel Zeit verstrichen. Viele Opfer hätten sich gerade kurz nach der Katastrophe Hilfe gewünscht“
„Wie sieht es mit den Entschädigungen seitens Tepco aus?“
„Das ist von Familie zu Familie anders. Die Bewohner dieses Gebiets sind größtenteils auf der Flucht. Die bekommen 120000 Yen, Wenn es mehrere Familienmitglieder sind, kann das wieder anders sein.
Aber das, was sie jetzt bekommen, ist nur eine Wiedergutmachungsgeste für die seelische Belastung, die diese Menschen erlitten haben. Die eigentliche Abfindung wird noch folgen. Die Menschen haben ihr ganzes Hab und Gut verloren. Ihre Häuser sind vom Erdbeben stark beschädigt worden
Die Sorge der vertriebenen Bewohner ist groß. Denn auch das Land, das sie besitzen hat an Wert verloren. Früher konnten sie ihr Stück Land als Pfand einsetzen. Das geht jetzt auch nicht mehr. Und dafür gibt es noch keine Abfindung„ 
„Ich habe gelesen, es soll kompliziert sein einen Antrag auf Abfindung zu stellen?“
„O ja, sehr. Man muss einfach sehr viel Material beilegen, Rechnungen als Belege dazulegen, beispielsweise für die Fahrtkosten oder Benzinkosten, wenn man mit dem Auto gefahren ist. Keiner hat diese Rechnungen behalten (lacht). Es ging um Leben und Tod.“

Frau Wakamatsu ist wie viele in dem Chaos in den Nordwesten geflohen. Also dahin wo die Emissionswolke gezogen ist und die Strahlung sehr viel schlimmer war.

Weltberühmt ist Minamisoma auch durch die Ansprache des Bürgermeisters aus dem Chaos nach der Katastrophe geworden. Er hat über Youtube um Hilfe für seine Stadt gebeten. Es gab weder Nahrung, Benzin für die Flucht und am schlimmsten: Keine, oder irreführende Informationen. Bleiben oder fliehen – es war tagelang nicht klar. Informationen über die Lage haben die Menschen hauptsächlich über das Fernsehen bekommen.
Vom Times Magazine  ist Bürgermeister Sakurai danach zu einem der 100 bedeutendsten Menschen der Welt gewählt worden. Was auch immer das heißen mag - jetzt ein Jahr später: Wo nicht nur die europäische, sondern auch die japanische Presse genug hat von der Katastrophe.
Wo alles schon in die Wege geleitet, alle Empörung schon ausgegossen wurde - da scheint der Teil der Katastrophe - der für die Menschen hier gerade erst beginnt – in Europa, aber vor allen Dingen in Tokyo und im Westen Japans schon unglaublich fern.

Wir sehen uns die Bilder von den Schaufelbaggern an, die auf dem Schulhof zwischen Klettergerüsten Gräben für die kontaminierte Erde ausheben.
Es ist nicht sicher ob die Bemühungen der Bürger überhaupt so viel bringen. Die Berge und die Bäume die an die Stadt grenzen bleiben giftig. Wie soll man sie dekontaminieren?
Die Bewohner warten noch auf Antwort von den Behörden.
Wenn der Wind günstig steht, wehen von ihnen radioaktive Partikel rüber. Wir erleben das an dem Treffpunkt für die Menschen die mit einer Sondergenehmigung die Sicherheitszone besuchen dürfen um Dinge aus ihren Wohnungen zu holen. Früher war hier ein großer Platz für die traditionellen Reitveranstaltungen für die Minamisoma berühmt ist. Heute sind hier 1,25 Mikrosievert.
Ganz nah an den Bergen.
In der schönsten Natur die ich je gesehen habe. 

Strahlenmessen gehört zum Alltag.
Fast jeder Einwohner den wir treffen zeigt uns auf Karten die beiden Sicherheitsringe die schon in die Geographie übergegangen zu sein scheinen, erzählt uns von den Entwicklungen in den Strahlenniveaus, nennt uns Hotspots, zeigt uns Bilder von den Häusern in die sie nicht zurückkehren können. Viele Menschen sind doppelt und dreifach geschlagen: Eine Familie, deren Restaurant in der Sicherheitszone liegt, hat einen Kredit aufgenommen um ein provisorisches Restaurant zu betreiben.
Der Kredit für das erste, das nun in der Schutzzone verrotet, steht natürlich immer noch aus.
Finanzielle oder pragmatische Unterstützung? Kaum von der Regierung, zu wenig von Tepco. 

Bevor wir zur Schutzgrenze fahren, gehen wir essen.
Wer noch nie in Japan war, aber plant hinzufahren liest sicherlich, dass man sich aus Hygienegründen in Innenräumen die Schuhe auszieht, also wundere ich mich zuerst nicht als wir in einem kleinen Restaurant dazu aufgefordert werden. Mein Begleiter Ehito Terao erklärt mir aber, dass das keinesfalls gewöhnlich ist. Hier in diesem Bereich der Stadt wird noch dekontaminiert, sie wollen nicht, dass radioaktiver Staub in das Restaurant getragen wird.
Die Köchin zeigt uns einen Geigerzähler, den sie in einem Regal neben der Küche hat: 0,80 Mikrosivert. Im Innenraum. Sie lächelt uns zu. Die Frauen machen Scherze. Es ist schön mit ihnen unterwegs zu sein.
Gerade das macht mich verwirrt und mutlos:
Ich weiß nicht wie ich dem ganzen mit 18.000 Zeichen ein adäquates Gesicht geben soll.

Nach dem Essen bringen uns die Frauen zu der nördlichen Reaktorgrenze.
Das einzig übriggebliebene sichtbare Zeichen des Reaktorunfalls zu dem man Zugang hat.
In 20 Kilometer Entfernung liegt Fukushima-Daiichi. Von dem man – trotz dem Anstrich von Transparenz den sich die Betreiber geben - kaum etwas mit Sicherheit sagen kann.
Laut Regierung ist die Anlage jetzt sicher.
Im „Cold shutdown“.

Immer wieder frage ich die Menschen in Minamisoma ob sie daran glauben:
„Nein“
„Nein – ich glaube gar nichts mehr“
„Nein“
„Ganz sicher nicht“

Die Temperatur im Reaktor ist in der Zeit in der wir da waren auf 93 Grad gestiegen.
Tendenz steigend.

Kürzlich hat die IAEA die Sicherheitsstandards aller japanischen Reaktoren geprüft und als „kohärent“ mit ihren eigenen befunden.
Was auch immer das heißen mag in einer der seismisch aktivsten Gegenden der Welt.
Denn wegen dem Kühlwasserbedarf stehen Atomkraftwerke an
1. Flüssen und an
2. Stränden.
Also da wo
1. Die tektonischen Platten auseinderklaffen und zusammenstoßen und
2. Tsunamis drohen.

Da allerdings grundsätzlich fas alle Atomkraftwerke an Flüssen oder am Meer liegen, wäre es hochgradig problematisch, die Sicherheitsstandards dementsprechend zu ändern. Sowohl national (NISA) als auch international (IAEA) hätte das weitreichende Folgen für die Reaktorstandorte.
Und so bleiben die Kraftwerke in küsten- und flussnähe eben sicher.
Eine ähnliche Maßnahme war die Anpassung der Kriterien für radioaktive Verseuchung von einem Milisievert pr. Jahr – einer Marke die für 30 Jahre lang gegolten hat – auf 20 Milisievert.
Eine Maßnahme die eine kostenintensive Umsiedlung umgehen sollte.
Denn mit den neuen Kriterien ist so ziemlich alles in der Region „sicher“.

Die offizielle Sicherheit stößt bei unabhängigen Experten schnell an seine Grenzen.
Pflugbeil erzählt mir von der Möglichkeit, dass die Schmelzmasse sich durch die Reaktorhülle frisst und darunter auf Grundwasser stößt.
Die Folge wäre eine schlagartige Verdampfung und eine weitere große Explosion.

Wataru Iwata spricht noch von einer weiteren Gefahr:
„Reaktor 4 steht da wie ein Lebkuchenhaus. Die Hülle ist unglaublich fragil. Wir haben viele Nachbeben in der Fukushimapräfektur. Einige sehr starke.
Es kann einfach sein dass die Reaktorhülle bricht und das ganze Zeug aus dem Inneren in einer großen Wolke austritt. Ganz ähnlich wie damals nach Tschernobyl.“

Ich frage die Menschen ob sie Angst haben.
Das haben sie. Große Angst.
„Wer weiß was kommt und da los ist. Nicht mal Tepco weiß das“, sagt Herr Wakamatsu.

Die Anlage ist ein Gespenst. Bedrohlich, omnipräsent, aber unsichtbar.
Und die Entschärfungskorrekturen der Regierung haben sich nach und nach zu einem groben Unglaubwürdigkeitssalat ausgewachsen.
Alle hoffen, aber sind auf das schlimmste gefasst.

Bei dem „Seven Eleven“ der direkt neben der Straßenblockade zur Sicherheitszone liegt holen wir uns einen „Coffee to go“.
Aus einigem Abstand sehen wir fünf oder sechs Journalisten dabei zu wie sie die Grenze fotografieren.
Einige Menschen mit Sondergenehmigungen fahren rein und raus. Äußerlich nicht zu trennen von Experten die in der Schutzzone arbeiten.
Ein Journalist moniert, dass es sehr schwer sei heute noch aussagekräftige Motive in Minamisoma zu finden.
Der Supergau ist heute schwer in Bildern einzufangen.
Zumindest in seiner alten Gestalt, der für die Medien brauchbar ist. 

Frau Ogai bleibt den Journalisten gegenüber distanziert. Ich wundere mich zuerst darüber, so wie ich mich anfangs über die scheinbare Unberührtheit, die Gefasstheit zum Unfall der ansonsten so offenen Einwohner mir gegenüber wundere.
Denn es gibt hier niemanden der unberührt ist. Niemanden der nicht zornig ist auf Regierung und Tepco. Niemanden der nicht betroffen ist. Und tatsächlich: Niemanden der nicht weint als er von seinen Erlebnissen nach der Katastrophe erzählt.
Allerdings – und das verstehe ich erst sehr spät - auch niemanden der nicht auch vorsichtig geworden ist mit dem was er sagt.

Denn es drohen neben den unmittelbaren Gefahren der Radioaktivität zwei weitere.
Die eine ist das Vergessen (die vor allem nach dem Jahrestag drohen wird).
Die andere allerdings besteht im politischen Missbrauch durch die Produktion und Reproduktion eines antinuklearen Diskurses anhand der Stadt und der Region. 

Es ist sicherlich richtig darauf zu pochen, dass die Debatten um einen vernünftigere Energiepolitik Japans, um eine politische Verantwortung gegenüber den Opfern der Katastrophe, um den Atomausstieg, um die Protestkultur der Japaner und die Mündigkeit der Bürger, um die Fehler in den Rettungsmaßnahmen, um die grundsätzlichen Gefahren von Atomkraft und um die Haftbarkeit TEPCOS geführt werden sollten.

Diese Bemühungen müssen allerdings unbedingt stark abgetrennt werden von der Betrachtung der postnukleraren Katastrophensituation in der Region.

Denn der Grund für das 5. Niveau der Katastrophe – das ein zeitlich und räumlich nicht begrenztes Derivat ihrer schafft - besteht in dem politischen Missbrauch der Stadt und der Region in den Medien.

Ein winziges aber symptomatisches Beispiel: Ganz pauschal wird eine Veranstaltung mit meinen Texten aus Fukushima am Deutschen Theater Berlin von Esther Slevogt in der TAZ als Lesung „mit Texten, die der Dramatiker Nis-Momme Stockmann über seine Eindrücke aus der Todeszone schrieb” angekündigt.
Was ich zuerst nur lächerlich finde, macht mich später in seiner x-ten Wiederholgung in seinem undifferenzierten politischem Eifer einfach nur mut- und ratlos.

Ich sehe das Dilemma – das auch vor mir auftaucht. Die Falle in die ich auch unentwegt tappe: Es ist schwierige an den Ungerechtigkeiten und dem Berg der Zerstörung vorbeizuschreiben.

Es lässt sich sicherlich nicht genug betonen wie hart die Menschen getroffen sind. Selbst wenn alles gutgeht: Der Abbau des Reaktors wird 50 Jahre dauern.
Die Gegend wird auf 100 Jahre giftig bleiben.

Aber wo ist Raum für alles Andere?

Generalsekretär Ogai bittet mich in unserem Gespräch:
„Wenn Sie jetzt in Deutschland berichten, dann bitte nicht allzu pessimistisch.
Wir arbeiten alle mit vollem Einsatz daran, dass unsere Stadt wieder zu dem wird was sie mal war. Ein Symbol für Schönheit“.

Wie sehr eine Bemühung dem Wunsch Herrn Ogais zu entsprechen, wie eine Verharmlosung der Folgen von Atomkraft wirkt, zeigt, wie sehr Minamisoma schon zum Diskurspony geworden ist.

Ein weiteres Beipiel für die Verheerenden Folgen der Instrumentalisierung und Brandmarkung Fukushimas:
Riyochi – ein junger Mann mit dem wir unterwegs sind - zeigt uns auf der Karte die absurden Formen des Fischereiverbots.
Iwaki liegt am südlichen Ende der Fukushimapräfektur und am unteren Ende der Reaktorschutzone.
30 Kilometer weiter unten fängt die Ibarakipräfektur an.
Und in dieser ist das Fischen erlaubt.
Die Präfekturgrenze markiert die Verbotslinie. Ein ziemlich tumb gezogener Schnitt, der symptomatisch für die Pauschalisierung der aufbaubemühten Fukushimapräfektur ist.
Fukushima ist riesig. Und breit. Teile der Präfektur liegen viel weiter vom Reaktor entfernt als die entfernteste Grenze der Miyagi- oder Ibarakipräfektur.
Und die ganze Präfektur ist darauf angewiesen Produkte zu verkaufen, die trotz guter Werte niemand mehr kaufen will. Grüne Landwirte arbeiten daran Strategien zu entwickeln in Gegenden mit erhöhtem Strahlenniveau Lebensmittel zu produzieren. Davon will niemand etwas wissen. Die Presse denunziert ganz allgemein Kampagnen wie „Esst Lebensmittel aus Fukushima“.
Selbst das gesunde Gemüse mit guten Werten kauft niemand.
Abermals: Es ist kaum zu verstehen wie wichtig Landwirtschaft für Identität und Wiederaufbau sind.
Was allerdings verständlich sein sollte:
 Die Folgen einer pauschalen Ächtung Fukushimas auf diese. 

Die Bevölkerung von Minamisoma ist gefangen zwischen Verharmlosung seitens Regierung/Betreiber und einem sicherliche ehrenhaft gemeinten aber vielleicht sogar noch schädlicheren gegenläufigen Aufbereitung in der Presse.

Diese Verflechtung ist ungut.
Es ist schwierig geworden am Beispiel der Region von den Folgen der Atomkraft zu sprechen ohne sie zu treffen, beziehungsweise die Region in dem positiven Licht darzustellen in dem ich sie erlebt habe, ohne zu wirken als würde man die Folgen des Reaktorunfalls herunterspielen.

Zwischen diesen beiden Tendenzen liegt eine Wahrheit mit der niemand viel anfangen kann.
Die Wahrheit der Bürger Minamisomas, die versuchen ein gutes Leben mit der Strahlung zu führen. Sehr japanisch: Ohne Hass, ohne Zorn, ohne nachtragend zu sein – mit der Geduld und Positivität, die die Menschen hier so wunderbar, aber auch so angreifbar und instrumentalisierbar macht.

Was diese Menschen heute am wenigsten brauchen ist das feuereifrige Geschreibe politischer Stimmungsmacher, was sie am dringendsten brauchen ist pragmatische Hilfe, die Überwindung der Kontakt- und Berührungsscheue und eine differenzierte Darstellung. 

Zu meiner Schande muss ich einsehen, dass ein Teil dessen was mich in dem Restaurant in Minamisoma verzweifeln lässt, ist, dass ich erkenne, dass ich einen Teil meiner politischen Bedürfnisse zum Thema Atomkraft über Bord werfen muss, um die Bewohner, den Ort zu zeigen, wie ich ihn erlebe:
Sehr viel schöner, sehr viel gesünder als er dargestellt wird.
Mit Menschen die keine Opfer sind, sondern Betroffene, die in eigener Kraft jetzt schon den Ort soweit wieder zur Bewohnbarkeit aufgebaut haben, dass er für mich trotz der schwierigen Situation zu einem Sehnsuchtsort geworden ist, in dem ich mich so wohlgefühlt habe, dass ich nach 10 Tagen Jetlag zum ersten Mal durchgeschlafen habe.
Zu einem Ort zu dem ich immer wieder zurückkehren möchte.
Keine Todeszone. Kein Wasteland. Kein bedrückender Ort.
Im Gegenteil:
Ein Ort mit lebensfrohen Menschen die es schaffen, trotz der Tatsache alles verloren zu haben die Leistungen und Defizite Tepcos und der Regierung ganz differenziert zu betrachten.
Etwas was in den westlichen Medien selten gelingt.

Denn in dem „Thema“ Atomkraft gibt es wenig pauschalisierbares, viel pauschalisiertes. Wenig Wahrheiten – dafür um so mehr Meinung.
Und von Deutschland aus ist es sehr viel einfacher diesen nachzugehen als hier, wo die Gegebenheiten eines Reaktorunfalls die Bedürfnisse und Verhältnisse komplexer machen, als das ihnen durch Politisieren oder fernes Gemeine beizukommen wäre.
Wo das Politisieren oder ferne Gemeine großen Schaden anrichtet. 

Es ist sehr schade, dass am Beispiel der vielfach geschlagenen Stadt zu sehen.
Denn die Menschen hier müssen den Ort nicht nur fast ohne Hilfe wieder aufbauen, sondern ihn auch gegen eine ganze Welt vor der Ikonisierung schützen.

Die Katastrophe hat die Menschen, hat die Gegend nicht gebrochen.
Das könnte auf lange Sicht aber ihre Darstellung.
Denn die ist neben der Radioaktivität die größte Bedrohung, ein Jahr nach dem Reaktorunfall in Minamisoma.

(download)

Tag 1 der Reise in den Norden (07.01.2011) – Teil 2

Ich kann mir nicht vorstellen in der Stadt Fukushima zu sein. Oder in Minamisoma – 20/30 Kilometer von dem havarierten Atomkraftwerk entfernt. Ich habe keine Vorstellung von Radioaktivität. Mein Kopf ist voll von Klichees. Was weiß ich: Nur dass sie gefährlich ist und man sie nicht sieht.
Eigentlich nur das was ich aus meiner Kindheit aus der Sondersendung von „Sendung mit der Maus“ über das Thema erinnere.
Grenzwerte. Saurer Regen. Schutzanzüge. Tschernobyl. Schilddrüsenkrebs. Es ist so seltsam: Radioaktivität erscheint mir supergefährlich und superharmlos zugleich.
Ich finde keine Schublade. Obwohl alles schon längst in irgendeiner liegt.
„Das ist klar was da drin ist, das muss man nicht öffnen“.
Der Typ mit dem Schlüssel ist aber nirgends zu finden.
Und irgendwie ist die Kommode wahnsinnig zugestaubt.
Ich weiß nicht viel.
Dafür bin ich bis obenhin aufgeladen mit Meinung.

Ich habe auch Angst dass mich das alles nicht erreicht. Das es für mich auch vor Ort immer noch so fern und abstrakt bleibt, wie damals als ich davon im Fernsehen gesehen habe. Eine Katastrophe wie die Überschwemmungen an der Küste des indischen Ozeans 2004 oder die Dürrekatastrophen in Afrika. Das kommt und zieht vorbei.
Wo ich oft so denke: Wie Soaps.
Daran machen wir aus, was wir für Menschen sind.
Nimmt man Anteil? Offenbart man, dass man Anteilnahme heuchlerisch findet? Ist man schockiert? Ist man radikal mit seiner Ehrlichkeit, dass es einem eigentlich egal ist? Fühlt man sich extern oder involviert? Angesprochen? Berührt? Unterhalten?
Wenn ich das im Fernsehen sehe, dann geht es immer nur um die Menschen die da reden, dann geht es immer nur um mich.
Das ist immer nur das „Andere“ an dessen Grenze man stehen bleibt um eben reinzusehen um zu spüren was es mit einem macht. Und es ist nur das „Reden über das Andere“ das man verinnerlicht. Kein kleiner Fetzen Wirklichkeit kommt da durch. Durch dieses Netz.
Denn das wäre auch gegen die Sendung:
Wir verarbeiten unsere Distanz zu dem Thema indem wir medial Nähe simulieren. Das ist eine andere Form von Ignoranz.
Eine die das europäisch-christliche Schamgefühl aussöhnt.
Ich weiß nicht was es ist – ich möchte nicht sagen, es wäre mir egal, aber da ist immer so eine Barriere. Und ich kann es nur analytisch sehen.
Ich habe noch nie gespendet nach einer dieser Katastrophen.
Oder demonstriert.
Ja: Ich habe auch noch nie demonstriert. Gegen Atomkraft.
Und ich gehe hier durch die Straßen von Tokyo und wundere mich, dass es nirgendswo Protest gibt ...
Vielleicht ist das auch einfach weniger bigott, als diese entsprechungslose Empörung.

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Am Morgen machen Ehito und ich uns auf den Weg nach Fukushima.
Die Straßen sind knüppeldickevoll. Es ist Rushhour und Tag der Aufnahmeprüfung in irgendeiner Uni in der Nähe.
Shibuya macht seinem Klichee alle Ehre. Das ist der Ort wo man als verhaltenstherapeutische Maßnahme jede Form von Klaustrophie, die man im deutschen Nahverkehr empfindet, überwinden kann.
Die japaner bleiben unfassbar sortiert.
Nur ein paar alte Damen schubsen mich von hinten.

(- it is incredible how disciplined and polite and structured the traffic is. How the people keep distance in these enormous crowds.
Colin: Ha! But did you already meet some of the pushers? Espacially old ladys like to push a lot.)
 
Jede Ubahnstation hat eine Erkennungsmelodie. Überall Jingles. Und das Pfeifen eines Vogels gehört zur Corporate Identity der Station.
Das wundert mich eigentlich nicht mehr. Es ist nur konsequent. Alles wird hier zur Sensation aufbereitet. Ich hab schon jetzt Angst vor dem ereignisarmen durch-die-Stadt-gelaufe in der Heimat. Ubahnstationen ohne Branding? Geräte die nicht reden? Geschlossene Räume ohne Klimaanlage? Getränkeautomaten ohne heißen Tee in Dosen?
Diese enorme Elektrizität die das benötigt denke ich so oft ...
Ich bin hier konstant hin und hergerissen zwischen „wow“ und „unnötig“ –
Diese enorme Zivilisationsleistung. In der das ganze auch nicht bladerunnerartig schmuddelig, sondern sauber, heiter, unbemüht erscheint. In der in der Oberfläche nichts mehr den gigantischen Arbeits- und ressourcenaufwand respiriert.
Wie eine saubere glänzende Eierschale.

Ich verstehe mittlerweile wie sehr das zur Kultur gehört.
Es gibt ein vor und ein dahinter.
In aufwendig produziertem Essen, Töpferwaren, Schnitzwerk, in den Ständen auf den Märkten, in der Infrastruktur, in den Restaurants, in den Bahnhöfen, im Service, ja sogar in den Familien – überall gibt es eine Klarheit, Unbemühtheit, Sauberkeit, eine Konturierung - die jeglichen Kontakt zu seinen Entstehungsprozess negiert.  
Das Rohe ist von dem Feinen abgetrennt. Die Arbeit von dem Produkt, das Produkt von der Perzeption (wohingegen es in Europa oftmals schick ist den Aufwand, die Energie, die Arbeitsprozesse, die Ressourcen die nötig sind in dem fertigen Produkt zu erkennen).
Diese 10 Millionen Menschen Stadt organisiert sich jeden Morgen so, dass kaum etwas von dem enormen Aufwand sie zu betreiben einem an dem „Konsum“ ihrer stört.
Vielleicht ist das einer der Gründe für die mangelnde Gegenwärtigkeit von Energieproblemen. Die Produkte und Gegebenheiten werden kulturbedingt selten kontextualisiert. Als hätten sie ihre Geschichte verloren sobald sie in den Läden, auf den Tischen, in den elektrischen Leitungen sind.

Die Japaner haben auch (alleine schon aus den geographischen und demographischen Gegebenheiten) eine andere Ästhetik der Verhältnismäßigkeit: Sie finden es verhältnismäßig, wenn an jeder Einfahrt zwei Polizisten den Verkehr zwischen einfahrenden Autos und Fußgängern regulieren. Wenn ein Angestellter den Menschen in den Bus hilft, einer die Fahrkarten kontrolliert, und zwei das Gepäck verstauen.
Oder, wenn zwei Verkäufer nach einer Kameratasche suchen und ein dritter solange beim Kunden stehen bleibt damit er sich nicht alleinegelassen fühlt (was hier niemals niemals der Fall ist).
Die „Vielheit“ gilt es zu verwalten. Gilt es zu vermehren. Gilt es gewinbringend zu machen. Und das ist viel wichtiger als sie zu verstehen oder zu ergründen.
Denn sie hat kein Wesen (wie wir das glauben und ständig nach ihm suchen).
Sie ist das Wesen.

Diese andere Einstellung zum Maß zieht sich durch alle Bereiche.
Ich bin mir sicher:
Man würde den goldenen Schnitt hier anders setzen.

Und diese Dualität zwischen „vor“ und „dahinter“ gibt es auch in den Menschen, die auf der einen Seite ihre Funktionalität, ihre Gesundheit, ihre Intaktheit wahren wollen – in denen aber auf der anderen Seite heftige Prozesse angestoßen sind.
Große Trauer.
Schwere Zweifel.
Zorn.

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Eine Fußnote.
Ich weiß dass das hier alles unsaubere Generalisierungen sind.
Ich schreibe ganz ungefiltert meine groben Beobachtungen und Gedanken in eben so grober Ausführung auf. Ich habe wenig Zeit mein Material und meine Gedanken zu sortieren.  
Aber ganz grundsätzlich: Ich halte nichts von der Gleichmacherei, der Toleranz. Ich denke es ist besser wenn man lernt die Differenzen zu genießen. 
Toleranz schafft (genau wie Integration) nur Distanz.

„Integration“ ist ein sehr deutsches Phänomen.
Es gibt bei uns keine Denktradition für Divergenz („Diversity“) als Mehwert.
 
Die schönsten Erlebnisse (für beide Seiten) habe ich in Japan immer über Distanzlosigkeit, Unverblümtheit, über die Kollision erlebt.
Die Schüchternheit und Distanziertheit der Japaner ist im Verhältnis zu der europäischen sicherlich durchschnittlich größer – will aber genau wie diese – von einem Akt der Zuwendung geknackt werden.
Ich habe schon viele Japaner umarmt.
Ging ganz gut.

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Wo war ich.
Gott, ich komme total durcheinander:
Also, wir steigen in den Shinkansen und fahren nach Fukushima.
Das machen wir einfach so.
Wie ganz viele andere Leute.
(Ich weiß mittlerweile – wie ich das hier schreibe – wie naiv das ist, aber „Fukushima“ war für mich ganz ungefiltert, ganz indifferent Ikone der nuklearen Katastrophe. Ich habe mir die Stadt, die Gegend immer als nukleares Wasteland vorgestellt (und ich habe auch das Gefühl dass das so immer der Klang in den Medien gewesen ist). Ich habe Fukushima immer mit Tschernobyl gleichgesetzt an das ich mich – obwohl ich damals noch sehr jung war – sehr genaue erinnere. Tschernobyl war ein Einschnitt in den Fortschritssglauben, aber auch in den Sicherheitsglauben Europas.
Genau wie Fukushima für die Japaner.)
Es ist auch dieses europäische Trauma Tschernobyl ist, das den Klang in den Medien gefärbt hat.
Dahinter steckt – so sehr ich das verstehe und intuitiv damit sympatisiere – eine stete Diskursbemühung. Etwas sehr politisches.
Selbstverständlich ist Fukushima ein ewig weiter gleitender Skandal der die Lebensgrundlage vieler Menschen für viele Generationen unwiderruflich zerstört hat – aber eine mediale Brandmarkung der Region schadet den aufbaubemühten Menschen mehr als das es ihnen nützt.
(Wie schädlich diese für den Ruf der Präfektur von Fukushima – in der viele Menschen bemüht sind von Opfern wieder zu Bürgern, zu Konsumenten und Produzenten regionaler Produkte zu werden versteh ich erst jetzt nach meiner Reise).
Es ist so schwierig: Nur ein schmaler Grad zwischen der Verharmlosung der Katastrophe und der Bemühung sie differenzierter darzustellen.
Denn beides wird politisch missbraucht. 
Und genauso wie Betroffenheit dem genauen Verständnis im Weg ist, ist die Reduktion auf das Geschehen eine Verharmlosung der Katastrophe (denn sie ist weit mehr als seine Parameter und in erster Linie sozial und psychologisch zu versehen).
In dem Thema Atomkraft gibt es wenig Wahrheit – dafür um so mehr Meinung.

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In Fukushima angekommen.
Ich gehe durch die Stadt wie jemand der mit der Ubahn mal eine Station zu weit fährt und in einem seiner Träume ankommt.
Aber alles ist viel zu kleinstädtisch, nüchtern und gewöhnlich für einen Traum.
Ich erwarte eine geisterstadtähnliche Atmosphäre. Die Bedrückung der dreifachen Kernschmelze 63 Kilometer entfernt. 
Stattdessen: Starbucks. Mac Donalds. Muji.
Baggypants, Elektronikgeschäfte, Bahnhofspringbrunnen. 

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Ehito und ich gehen essen. 
Sushi.
Ich frage ihn ob er nervös ist.

Ehito: Nein, warum?
- Ich hab gelesen, dass ... naja, wenn man über das Essen Radioaktivität aufnimmt ... dass es besonders schädlich ist ...

Er sieht mich an.

Ehito: Was glaubst du wie die Menschen hier sich alle ernähren?

An einem Tisch neben uns sitzt eine Frau mit Kind.
Sie trinken Tee.

- Ich weiß es nicht. Kommt das Essen aus der Region?
Ehito: Zum Teil.
- Und der andere Teil?
Ehito: Nicht.
Wie überall auf der Welt.

Er muss mich für einen totalen Idioten halten. Gott sei dank versteht er mich nicht immer gleich gut.

Ich werde mein Gefühl nicht los dass ich entweder völlig falsch über die Situation denke oder dass die Menschen hier völlig falsch informiert sind.
Ich erinnere mich an die Worte von Sebastian Pflugbeil (der Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz).
Wie genau ich das Strahlungsniveau beobachten soll.

Pflugbeil: Wenn die Strahlung über 0,6 Mikrosievert die Stunde steigt, sollten sie überlegen ob sie den Ort verlassen.
Tragen Sie unbedingt eine Schutzbrille.
Und schmeißen Sie hinterher Ihre Schuhe weg.
Am besten alles was Sie getragen haben.
Oder tragen Sie einen Schutzanzug.

Als ich am Bahnhof bin messe ich 0,20 Mikrosievert.

Ich überlege was die Leute hier wohl über mich gedacht hätte, wenn ich mit einem Schutzanzug aus dem Shinkansen ausgestiegen wäre.

Ich frage Ehito wie er das Beben erlebt hat:

Ehito: Ich war gerade arbeiten. Ich hab als Kellner gearbeitet damals. Und ich weiß noch wie die Kronleuchter in dem Lokal geschüttelt haben.
Am Abend wollte ich für meine Frau Nao ein Geschenk kaufen. Aber das Geschäft hatte geschlossen.
Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl das es vielleicht schlimmer ist.
Ich wollte eigentlich mit Nao am nächsten Tag Verwandte besuchen. Aber die Bahnstrecken haben alle nicht funktioniert.
Da habe ich langsam begriffen wie groß das Beben war.
Es war gruselig in Tokyo.
Die Straßen waren voller Menschen.
Aber alle haben geschwiegen.
Ich erinner mich wie ein einziger Mann mit einem Radio durch die Menge gegangen ist. Auf dem Radio liefen Nachrichten. Alle haben zugehört. Aber niemand hat geredet. Es war wie ein Gang der Schweigenden. Wie ein Trauermarsch oder sowas.
Damals habe ich mich zum ersten Mal sehr über die Japaner geärgert. Dass sie nicht sprechen.  Dass sie nichts machen. Dass sie einfach nur zuhören und schweigen.
- Wie war es danach? Wann hast du erfahren dass es eine Kernschmelze gab?
(Irgendwann in dem unerschöpflichen Pluralismus der Katastrophe kam ich mir mit meinem ständigen Gerede von der Kernschmelze ziemlich dumm vor. Ich glaube das ist ein weiterer Grund für die ausbleibende Auseinandersetzung mit dem Super-Gau. Direkt nach der Katastrope gab es nur Chaos und Angst. Wo soll ich schlafen? Was soll ich essen? Woher Benzin nehmen? Wie soll ich überleben? Leben meine Verwandten noch? Steht mein Haus noch?)
Ehito: Hm ... so nach und nach ... Das wurde am Anfang nicht so klar gesagt. Aber ich weiß noch.
Viele meiner ausländischen Freunde haben mir gesagt: Du musst fliehen.
- Und bist du geflohen?
Ehito: Ich habe es überlegt ...
Aber nach ein paar Tagen haben wir beschlossen zu bleiben.
- Warum?
Ehito: Wir wollten nicht abhauen. Wir wollten überlegen: Was kann man tun?
Weißt du: Wenn Tokyo nicht funktioniert, dann funktioniert Japan nicht.
(Viele Leute aus den Katastrophenregionen haben mir gesagt, wie schade sie es finden, dass für die Menschen in Tokyo die Katastrophe schon lange vorbei ist, wobei sie für sie gerade erst anfängt.
Sie haben aber auch immer wieder betont, wie wichtig sie es finden, dass Tokyo „funktioniert“.
Wenn Tokyo nicht funktioniere, dann würde Japan auch nicht funktionieren.
Dafür gibt es eine große Wachsamkeit: Ist die systemische Ordnung noch gewährleistet?
Die katastrophengeschüttelten Japanern haben bei allem persönlichen Leid immer noch eine große Wachsamkeit, dass die Gesellschaft im Ganzen noch funktioniert.
Denn die Gesellschaft als ganzes hängt hochgradig mit der Intaktheit Tokyos zusammen.)

Ehito: Viele Künstler haben damals die Arbeit eingestellt.
- Die Arbeit eingestellt?
Ehito: Ja.
- Aber warum?

Ich weiß nicht, das ging einfach nicht in meinen Kopf rein. Ich dachte: Das ist doch eigentlich der Zeitpunkt wo Kunst anfängt „wichtig“ zu werden. Auch hier in der Künstlerresidenz „Tokyo Wonder Site“ wo ich wohne sind einfach alle europäischen Künstler abgereist. Die Japaner haben den Betrieb runtergefahren.

Ehito: Die Künstler wollten überlegen, was können Sie tun. Sie sind als Katastrophenhelfer in die betroffenen Regionen gegangen.

Kunst und Relevanz sind in Japan kein Pflichtbündel. Und das ist gut so.
Denn ansonsten hätte man statt ein paar tausend tauglichen Katatstrophenhelfern ein paar tausend Bilder und Texte in denen es am Ende irgendwo und irgendwie - seien wir mal ehrlich - doch nur um persönliche Befindlich- und Eitelkeiten, um die Karriere, sprich um den Künstler geht. Vielleicht nicht immer und nur und auch nicht aus bösem Willen.
Aber eben oft.  

- Und dann?
Ehito: Dann habe ich angefangen über Atomkraft nachzudenken.
Vor der Katastrophe wurde nicht über Atomkraft geredet.
Für mich war es genauso: Ich habe mich nicht für Atomkraft interessiert vorher.
- Ich mich auch nicht.
Viele Europäer haben das nicht ...
Sie haben das Thema vergessen.
Ehito: Es ist kein „Thema“

Wir gehen durch Fukushima. Hier ist der Unfall greifbarer. An einem Baum auf Zetteln Wünsche für die Stadt.
Auf Bannern steht „Hoffnung für Fukushima“.

Ehito erzählt mir was Fukushima bedeutet:

Ehito: Glückliche Insel.  

Darin entdecke ich etwas sarkastisches.
Ehito nicht.

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Wir treffen Wataru Iwata. Er ist Pianist. Und Gründer der CRMS (Citizens Radiation Measurement Station) in Fukushima. Eine Bürgerinitiative die die Strahlung misst.
Die Grundlage der Messungen ist komplex. Nicht nur ändern sich konstant die Bedingungen durch das Wetter und den Wind, dazu kommt auch, dass die Regierung die Kriterien für Radioaktivität in der Region verändert hat.
Für 30 Jahre waren 1 Milisievert pr. Jahr die Grenze.
Nach dem Unfall wurde diese Grenze auf 20 Milisievert angehoben.
Werte die woanders auf der Welt vermutlich zu Umsiedlungen führen würden sind jetzt in Ordnung. Das macht die Arbeit für die Initiative schwerer. Nicht nur müssen sie messen, sondern auch informieren, dass die öffentlichen Daten (in die es hier ein hohes Vertrauen gibt) nicht grundlagentauglich sind.

Hier das Interview mit ihm:

Click here to download:
Interview_mit_Wataru_Iwata_-.docx (121 KB)
(download)
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Wir gehen noch ein wenig durch Fukushima. Am Kanal entlang. 

Sehen uns einen buddhistischen Tempel an.
Trinken Kaffee bei Starbucks.
Sprechen.
Über die Nähe, die Ferne des Reaktorunglücks. Über das Aufwachen und das Einschlafen der Bevölkerung nach dem Unfall.
Über Konfrontation und Vermeidung.

- In Deutschland ist man oft nicht mehr als die Summe der einzelnen Teile.
Ehito: In Japan ist uns überall der Kanon im Weg.

Am Abend verlassen wir Fukushima und machen uns auf den Weg nach Sendai. 
Am Bahnhof messe ich 0,33 Mikrosievert.
Ich weiß es ist sehr dumm, denn wir sitzen in einem vollbesetzten Personenzug. Mütter mit Säuglingen. Senioren. Hunde. Alles voll mit Alltag. 
Aber ich bekomme Angst.
Morgen sind wir beim Reaktor.  

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Ich muss knapper schreiben. Sonst werde ich nie fertig. Es ist soviel in mir.
Es ist zuwenig Zeit es aufzuschreiben.
Es ist laut in mir. 
Da ist Tohuku, Miyagi, Fukushima. Iwaki. Sendai. Minamisoma. Kyoto.
Da sind diese Stimmen. Flink und schnell in meinem Inneren. Wie kleine Flammen.
Da ist dieses Land, diese Menschen, die Katastrophe, der Pazifik, den ich noch höre, die aufgesprungenen Straßen, die Tiere und die Geister.
Da sind die Blicke – wie kleine Rätsel. Da ist soviel Trauer und so viel Liebe. So viel Hingabe und soviel Distanz. Soviel Leichtigkeit und soviel Ernst. 
Und das alles drängt sich in mir zu einem Wort.
Geheimnisvoll und dunkel.
Wie schweres Bier und süße Brause.
Wunderschön und herzzerreißend.
Du bist in meinen Träumen.
Nein – du bist alles:
Japan

Vor der Reise nach Iwaki (Fukushimapräfektur)

Morgen fahren Ehito und ich nach Iwaki. Wir werden dabei von einem jungen Regisseur begleitet: Ryoitchi. Er ist ein Freund von Ehito. 

Iwaki ist seine Heimatstadt.
Minamisoma (wo wir vorher waren) liegt nördlich vom Kernkraftwerk an der Schutzzone. Iwaki liegt südlich direkt an der Schutzzone.  


Nach dem Tsunami hat er die folgenden Aufnahmen da gemacht:

 

Tag 1 der Reise in den Norden (07.01.2011) – Teil 1

Ich bin immer noch vom Jetlag erschlagen. Das wird niemals weggehen. Ich weiß überhaupt nicht mehr wer zuerst da war: Ich oder der Jetlag. Und ich weiß auch nicht mehr warum ich mich beschissen fühle: Weil ich einfach nicht schlafe oder weil ich Angst vor der Reise nach Fukushima habe.
Oder das ist keine Angst, oder doch oder keine Ahnung, langsam weiß ich gar nichts mehr. Tag und Nacht vermischt sich auf eine unromantische, irgendwie staubige Art und Weise in der ich einem stark leistungsschwächeren Version von mir selbst zusehe, wie es durch Tokyo stolpert um sich auf eine Reise zum Reaktor vorzubereiten, deren genauer Grund mir gar nicht mehr so richtig einfällt. 

Egal wie viel ich lese, wieviele Filme/Photos ich mir ansehe, wie viel ich hier in Japan sehe – die Katastrophe bleibt für mich immer so abstrakt.
Tokyo ist eine Stadt aus Watte. Ich kann mir nicht vorstellen dass die Leute hier vor einem Jahr Angst hatten, dass sie getroffen waren von der Schrecklichkeit einer Katastrophe, die sogar auf dem Papier dem Gehirn Schwierigkeiten macht. Das jemals irgendetwas war.
Viele Japaner sind überrascht wenn ich Ihnen erzähle, dass ich mich für den Reaktorunfall oder für die Katastrophe interessiere.
Nichts erinnert daran.
Kein Mahnmal, keine Kunstwerke, keine Stimmung, keine Gespräche – vielleicht ist das mein europäischer Blick, aber ich finde einfach nichts.
Die Katastrophe ist so fern.
Sie ist mir genau so fern wie in Deutschland.
Nein – ferner.
Ich frage mich, wo ist das? Ist das – hallo hier kommt der Gelegenheitspsychologe - vielleicht irgendwie als Trauma in ihrem Inneren verschlossen?
Weil solche nationale Traumata gibt es ja:
Hiroshima/Nagasaki.

Colin erzählt mir er hat eine Veränderung bemerkt: Es ist Nachts nicht mehr so hell. Es wird weniger verschwenderisch beleuchtet.

Colin: You know: It was really bright. In a mind-blowing way. Like it was day.
 - How is that a sign of change?
Colin: You know: They are saving energy. I think they are slowly developing an awareness of that resources are not infinite.
- And is that openly discussed?
Colin: Yeah, you know. Its problematic.
There is a very strong will to go back to their old life. To their old routines. That is very important for the Japanese. 

Ich weiß nicht warum ich das immer im Vergleich zu Europa denke.
Vielleicht ist das so ein mich in der Fremde überkommender naiver Stolz auf das Maulaufmachen zuhause, an dem ich so häufig den allergrößten Zweifel habe. Vor dem ganzen zwanghaften Gemeine da in Deutschland.
Aber es ist so still. Irgendwas in mir wittert andauernd einen großen unbesprochenen Konflikt.
Einen Knoten.
Den ich nicht mal sehen kann.

Als wir bei „Tokyo Hands“ vorbeilaufen sehe ich eine Frau mit einem großen Schild und einem Megaphon.
Ich kann das Schild nicht lesen.

- Is she protesting?

Colin lacht.

Colin: Japanese wouldnt protest!

Dann wird er ernst.

Colin: No, sorry, that ist not right – there where some antinuclear protests. Some quiet big ones actually. Dont know how i could forget that.
- When there is no protest culture, then why do the japanese protest?
Colin: I dont think that anybody wants nuclear plants anymore. I think the japanese are through with this whole atomthing.
It proofed wrong.
As bad as it could. 

Die systemische Ordnung Tokyos duldet kaum Störungen. Die Stadt ist zum einen aus der schieren Notwendigkeit penibel durchgetaktet. Dazu kommt eine starke Disziplinar-, Hierarchie- und Fleißtradition.
Die Japaner sind sehr sensibel auf Störungen in den Abläufen. „Sehr homogen“ – hört man immer wieder. 
Es ist sehr einfach das zu verurteilen.
Ich sehe diese Masse an Exerzitien und Regularien.
Ich sehe die exzessive Wegwerfkultur. Das ganze Plastik, die enorme Verschwendung von Ressourcen und Elektrizität. Ich sehe manchmal große Gleichgültigkeit mit der Zukunft und dem Milieu.
Ich sehe eine radikalen Wunsch nach Intaktheit und Ruhe der trotz einer großen Aufgeklärtheit oft in einer große Ignoranz mündet.
Klingt ganz wie zuhause.

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Byung-Chul Han schreibt:
„Auch der Konsum ist eine Praxis der Aneignung. Er ist mehr als ein gefräßiger Verzehr des Anderen, wobei das Subjekt des Verzehrs unverändert bliebe. Die Dinge, die man sich aneignet, mit denen man sich umgibt, machen ja ersten den Inhalt des Selbst aus. Nur der Mythos einer reinen Innerlichkeit nivelliert den Konsum zu einem bloß äußerlichen Akt. Die Konsum-Kritik setzt ein tiefes Innen vorraus, das es zu schützen gälte vor dem Übermaß äußerlicher Dinge. Diese Innerlichkeit, diese „Seele“ kennt der ferne Osten nicht. Das ist auch der Grund dafür, dass der ferne Osten ein durchaus positives Verhältnis zum Konsum hat. Er kennt eben kein „Wesen“, kein „Innen“, das es vor zu viel „Außen“ zu bewahren gälte. Das „Innen“ wäre vielmehr eine besondere Wirkung des „Außen““

Ich denke das ist richtig. Für den westlichen Blick ist hier überall schnell Oberflächlichkeit ausgemacht.
Die massive Materialität Japans, die radikale Homogenität nach der überall gestrebt wird.
Der Kanon ist allerdings für die Veränderbarkeit der Gesellschaft keine andere Hürde als die des Subjekts.
Zuhause bekommen wir das was wir alle umsetzen müssen kein Stück gebacken, weil die radikale Subjektivität, die um jeden Preis zu erhaltene Möglichkeit der Ich-Schöpfung, die persönliche Entfaltungsfreiheit des Einzelnen im Weg ist.

Ich bin mir sicher: Sobald es Vorschrift wird in Japan Energie zu sparen, sobald es Regularien gibt um weniger Müll zu produzieren, sobald es Ausstiegspläne für die Atomkraft gibt - wird sich jeder daran halten.
Kanonische Entscheidungen stehen im Zentrum der Entscheidungsfindung.
Immer wieder höre ich auf meiner Reise:
„Ich weiß nicht ob man darüber reden sollte, denn ich denke es wird nicht möglich sein da zu einer gemeinsamen Meinung zu finden“.

Ich entgegne am Anfang sowas wie:
- Nein, kann ja sein, dass man sich nicht einig wird. Aber es ist doch wichtig darüber zu reden.
„Wie soll man darüber reden wenn man nicht einer Meinung sein kann“?

Ehito erzählt mir auf unserer Fahrt nach Fukushima:

Ehito: Es gibt keine Streitkultur. Die Japaner haben große Schwierigkeiten damit Meinungen zu äußern und zu debattieren. Wenn ein Japaner die Meinung eines anderen angreift, wird das als Ablehnung der ganzen Person interpretiert und es kommt zu heftigen, teils unlösbaren Konflikten.
Es ist eine Vermeidungsgesellschaft. Das öffentliche Formulieren von Meinungen ist problematisch.
Zum Beispiel: Wir haben in Tokyo eine Performance gemacht. Eine ganz harmlose Sache. Wir haben Meinungen gesammelt zu Atomkraftwerken. Pro und Kontra. Die Leute haben einfach nur Schilder hochgehalten: Pro oder Kontra. Wir haben nicht gesagt: Atomkraft ist schlecht oder so. 
Einige Menschen sind aber deswegen sehr sauer geworden:
„Ihr habt doch die ganzen Jahre die Elektrizität verwendet, wie könnt ihr sie jetzt verurteilen“.
Aaaber: Das heißt nicht, dass dieser Mensch Pro-atomkraft war.
Das heißt lediglich, dass er Schwierigkeiten damit hat, wenn man seine Meinung öffentlich äußert. Ganz grundsätzlich empfindet man das als anmaßend.
Es gibt so ein Sprichwort (Ich kann es nicht genau wiedergeben – Anm. des Verf.): Wenn Streit droht, geht man in die Kneipe.
Man trägt es nicht aus. Man geht in die Kneipe. 

Der Kanon ist wichtig in Japan.
Lässt sich in einer Sache kein Kanon erzeugen wird er simuliert.
Auch wenn es unter der Oberfläche vielleicht kocht.

Und so sind die Japaner in der Sache mit dem Reaktorunfall gespalten: Zwischen Zorn, Angst, Furcht, Protest auf der einen Seite und ihrem Bedürfnis nach Routine auf der anderen. 
Zwischen der Aufarbeitung durch Diskussion auf der einen Seite und dem Bedürfnis an die Stärke, die Intaktheit anzuknüpfen auf der anderen. 

Ehito sagt mir auch immer wieder dass er das Gefühl hat, dass die Leute in Tokyo darauf warten, dass irgendjemand irgendetwas macht.

Ich denke, dass ist auch der Grund warum die westlichen Medien so aufgeladen über die Reaktionen der Japaner, besonders der Regierung gesprochen haben. Dass die Menschen hier nicht öffentlich gegen das Verhalten der Regierung und Tepco nach dem Zwischenfall von Fukushima-Daiichi protestiert haben, heißt nicht, dass sie damit einverstanden wären.

(Später weist mich die fantastische Frau Wakamatsu von der Minamisoma International Association auf einen anderen wichtigen Punkt hin den ich nicht gesehen habe. Das japanische Wort für Atomkraftwerk bedeutet sinngemäß übersetzt soviel wie „Nukleare Energiegewinnungsanlage“ und ist im Gegensatz zu dem Wort für „Atomwaffe“ durchaus positiv konnotiert. Der Grund ist nicht nur der dass Atomkraftwerke lange Zeit als Symbol für Wohlstand und Arbeitskräfte gelesen wurden (so ist es im Fall Fukushima-Daiichi seinerzeit so gewesen, dass man sich sehr bemüht hat, das Kraftwerk in die Region zu holen) sondern dass viele Menschen in den 54 Kraftwerken Japans gearbeitet haben.  Die Atomkraftwerke waren die Lebensgrundlage so vieler Menschen, dass es schwierig ist von einem sehr positiven Bild der Atomkraft nach dem Unfall einfach so auf ein negatives umzuschwenken).

Und: Meine politischen Befindlichkeiten. Mein stromlinienförmiger Gerechtigkeitssinn (der oft total hypokritisch ist), meine gezwungene Konfrontativität – das ist alles am Ende genausowenig produktiv.
Besonders dann wenn ich das Verhalten der Japaner als Programmierung empfinde – dann entdecke ich meine eigene.
Wo die Menschen hier im Inneren gespalten sind, fühle ich mich oft selbst als renitenten Spalter:
„Hier kommt die Moralpolizei – wir urteilen über das Geschick anderer. Und sonst machen wir eigentlich nicht viel“.
Vielleicht ist das der selbe Vorgang im Inneren, wie im Äußeren.
Mit dem Unterschied, dass das Nebeneinander in Japan immer noch möglich ist.

Ich weiß nicht.
Es ist zu schwierig:
Die Katastrophenfolgen sind lokal. 
Die Rezeption der Katastrophe ist global.
Ja, ich glaube, dass kann ich mit Sicherheit sagen:
Ich weiß es einfach nicht.

Aber, soviel ist klar:
Es ist schwierig das Thema in Deutschland warm zu halten, wenn es in Japan schon fast kalt ist.

 

 

Minamisoma (Fukushimapräfektur) - zwei vom Tsunami betroffene Gebäude, knapp ein Jahr nach dem Tsunami

(download)

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Zwei Gebäude eines Altenheims, nahe des Endpunkts des Tsunamis. Die schwarze Linie die man an den Wänden sehen kann, zeigt die Höhe der Welle in den Räumen. 

Das Metallgelände des zweiten Gebäudes ist von den Wassermassen heftig verformt. Ich weiß nicht warum, aber gerade darüber habe ich sehr gestaunt. 

Vielleicht ist es eine kindliche Vorstellung von dem Werkstoff Metall als sehr hart, aber irgendwie hab ich - wenn ich ehrlich bin - vor dem Geländer stehend (und ich weiß das klingt sehr verblasen) - den Tsunami zum ersten Mal richtig ernst genommen. 

Vielleicht auch weil ich wusste - die beiden Häuser sind nur eine Messerspitze. 
Ich weiß nicht -
Ja - Ich weiß gewissermaßen gar nichts. 
Das hab ich gemerkt als ich da gestanden habe. 
Und ich hab mich geschämt gedacht zu haben, ich fahre hier hin und sehe mir etwas an, das mich nichts angeht und es wird okay sein. 
Es interessiert mich - aber es geht mich nichts an. 

Jetzt werde ich das seltsame Gefühl nicht los, es geht mich etwas an.
Dabei steht es mir nicht zu. 
Nur, weil ich ein Jahr danach vor einem Metallgelände stehe und darüber staune wie es eine Welle verknotet und zerrissen hat. 

Gelander

Zurück aus der Fukushima-präfektur

Minamisoma
Ich bin gerade zur Tür rein. Es ist jetzt 01:35. Ich war mit Ehito Terao und seiner Frau in Fukushima, Sendai und Minamisoma.
Ich bin sehr erschöpft, sehr traurig und sehr glücklich.
Die Katastrophe ist nicht dreifach sondern vierfach: Erbeben, Tsunami, Reaktorkatastrophe und die Zerstörung der sozialen Strukturen. 
Es klingt seltsam, aber ich glaube, dass für die leidensfähigen Japaner im Pluralismus der Ereignisse vor allem das letzte der Fixpunkt im Verständnis der Katastrophe ist. 
Ich bin jetzt zu erschöpft, aber ich werde meine Erlebnisse in den nächsten Tagen nach und nach beschreiben und mein Material hochladen.  
Ich kann so wie ich mich gerade fühle keine anderen Worte finden: Es ist einfach unbeschreiblich traurig was der Reaktorunfall mit der Lebensgrundlage der Menschen in der Region gemacht hat. 
Bis der Reaktor abgebaut ist, dauert es 50 Jahre.
Das Gebiet ist auf 100 Jahre verseucht.
Vor einem Jahr war es eine Gegend von florierendem Tourismus. Ein Badeort. 
Jetzt gibt es kaum noch Kinder dort. 

Heute haben auf der Grenze zur Schutzzone 1,45 mikrosiervert gemessen.  
Unsere Geräte haben pausenlos gepiept.  
20 Kilometer vor dem Reaktorgebiet - in der schönsten Natur die ich je gesehen habe.